Eucharistiefeier zur Eröffnung des XIX. Generalkapitels
Rom, 5. November 2006 
Predigt von Sr. Therezinha Rasera

Lieber P. Andreas Urbanski, Generalsuperior 
und liebe Generalatsmitglieder der Salvatorianer!

Ich möchte Ihnen für Ihre ermutigenden Worte danken, aus denen man spürt, dass sie aus dem Herzen eines wirklichen Bruders kamen. Ihr Hiersein ist nicht nur eine Formalität, sondern es ist das Ergebnis unserer gelebten Solidarität zwischen Brüdern und Schwestern, die wir in der Verwirklichung unseres gemeinsamen Ideals miteinander aufgebaut haben.

Vor einigen Monaten nahmen wir Schwestern auf Ihre Einladung hin am Generalkapitel der Gesellschaft in Logroño, Spanien, teil. Es war für uns alle eine gute und unvergleichliche Erfahrung, die bis heute nachklingt.

Lieber Herr Diakon Marco Ermes Luparia, Leda, Christian, Judy, Gloria, Claudia, Mauricio, Sabin und Monica
alle hier anwesenden Salvatorianischen Laien!

Seid herzlichst willkommen in unserem Haus! Euer Dasein ist etwas ganz besonderes, denn ihr repräsentiert etwas Neues in der Salvatorianischen Familie. Ich bin sicher, dass uns dieses frische Blut neue Energie und prophetischen Mut gibt. So werden wir unsere Salvatorianische Identität in unserer heutigen Welt als eine Familie bekräftigen.

Liebe Schwestern und Mitglieder des Kapitels!
Welche Freude, jede von Ihnen unter uns zu haben! Bitte fühlen Sie sich hier zu Hause! Mögen Sie die Herzlichkeit und Offenheit dieses Hauses, das Sie offenen Herzens empfangen möchte, erfahren!

Lieber P. João Batista Libânio, liebe Dolmetscherinnen und andere Gäste!
Seien Sie alle herzlich willkommen!

Wenn das Apostolische Schreiben, Vita Consecrata, über das Prophetisch-Sein des Geweihten Lebens spricht, betont es, dass echtes Prophetisches Sein aus dem aufmerksamen Hören auf Gottes Wort und sein Wirken in der Geschichte hervorgeht (nach VC, 73). Deshalb wählten wir während des Vorbereitungstreffens auf das XIX. Generalkapitel im August 2005, eine biblische ‚Ikone’ und zwar die Auferstehung. Wir wählten dafür zwei Abschnitte aus dem Johannesevangelium Der Auferstandene Jesus erscheint Maria von Magdala (Joh 20, 2-18) und Die Auferweckung des Lazarus (Joh 11,1-44). Diese zwei Schriftstellen erleuchten, nähren und leiten unseren Kapitelprozess, damit wir gemeinsam Horizonte erahnen, wie wir „Salvatorianische Frauen – solidarisch – für Hoffnung und Leben“ sein können. 

Wir glauben fest, dass das Bild von der Auferstehung in den unterschiedlichen Erzählungen dieser zwei Stellen, uns aufruft, aufmerksam zu bleiben und die Wurzel unserer Kongregation in einer radikalen Nachfolge Jesu, des Heilandes, unseres auferstandenen Herrn zu suchen. 

Bei dieser Gelegenheit möchte ich eine kleine Meditation darüber anstellen, welche Auswirkungen diese zwei Auferstehungserzählungen aus dem Johannesevangelium, auf unserem Weg als Salvatorianische Frauen heute, für uns haben. 

In diesem Gründungsereignis des christlichen Glaubens, sind die Zeuginnen der Auferstehung zweifellos Frauen! Jesus erscheint zuerst Frauen, so sagt es das Evangelium. Maria von Magdala ist die erste, die von Jesus selbst den Auftrag zur Verkündigung der Guten Nachricht von der Auferstehung erhält. Dadurch öffnet Jesus, der Auferstandene, den Weg zu einer neuen Sicht menschlichen Lebens und einer neuen Weise, wie Menschen miteinander in Beziehung sein können.

Dringen wir noch tiefer in den Sinn des Textes ein: Maria von Magdala repräsentiert eigentlich die Armen, jene die ausgegrenzt sind, die ohne Hoffnung sind und denen alles verwehrt ist – und sie vertritt die frühe Christengemeinde, die ihren Geliebten sucht. 

Im Johannesevangelium wird Jesus mehrmals als ein Bräutigam dargestellt und seine Braut sind „die Gemeinden“. In der Begebenheit mit Maria von Magdala nennt Jesus sie „Frau“ und sie nennt ihn „Meister“, „Rabbuni“, ein Ausdruck, den die Jünger und Jüngerinnen für den Meister verwendeten, dem sie nachgefolgt sind. Was das Johannesevangelium uns zeigen will, ist, dass Jesus eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zu den Gemeinden und zu den Aposteln und Apostelinnen hatte. Er verspricht und sendet seinen Geist. Der Heilige Geist ist derjenige, der bleibt, um der Gemeinde zu helfen, Braut Jesu zu werden. In all dem ist Maria von Magdala die Verkünderin dieses großen Ereignisses. 

Als Jesus Maria von Magdala erschienen ist, verwendet er nur ihren Namen “Maria”! Das ist eine persönliche, existentielle Offenbarung. Der Ruf Jesu ist ein diskreter Ruf in Freiheit. Indem er sie beim Namen ruft – was Innigkeit und persönliche Identität bedeutet – befreit er Maria von ihrer Situation als arme Frau, Opfer von Diskriminierung und Vorurteilen. Maria ist herausgenommen aus ihrer geographisch bedingten Situation, welche ein Symbol für die Realität von Ausgrenzung ist. 

Im gleichen Augenblick, als Jesus sich Maria offenbart hat, wird sich auch die wirkliche Maria ihrer selbst bewusst: als eine Frau voller Sensitivität, Emotionalität und Zärtlichkeit. Sie ist eine Frau voll brennender Sehnsucht, über den Tod und menschliche Grenzen hinaus zu gehen. 

Um in das Innere dieses Auferstehungsgeschehens hineinzugehen, müssen wir unser irriges und verwirrtes Suchen korrigieren. Wir müssen erkennen, dass Jesus mit uns ist und uns ermöglicht, Auferstehungserfahrungen zu machen, auch wenn es nur wenig Hoffnung in unseren Herzen gibt, auch wenn wir Tränen der Hilflosigkeit weinen. 

Jesus lebt und kehrt heim zu unserem Vater, zu seinem Vater und zum Vater der ganzen Menschheit. Das ist die Sendung der Johanneischen Gemeinde: den lebendigen Jesus, der Leben für alle bringt, zu verkünden! Das ist also die Sendung der Salvatorianischen Gemeinschaft.

Die Auferstehung ist die zentrale Botschaft unseres Glaubens und Jesus möchte, dass sie als erstes einer Frau überbracht wird. Jesus bringt das Zentrum des Glaubens – die Auferstehung – mit der Situation von Zurückweisung und Diskriminierung einer Frau seiner Zeit in Verbindung. Deshalb sind die Auferstehung Jesu und die Befreiung von Frauen eng miteinander verbunden. Was sind die Konsequenzen daraus für die Sendung der Salvatorianischen Frauen von heute? Jesus sendet uns, vor allem eine gläubige Präsenz des Auferstandenen für die diskriminierten, ausgebeuteten und unterdrückten Frauen zu sein. Das schließt auch alle anderen unter Ungerechtigkeit leidenden Frauen in dieser unserer Welt mit ein, denn Armut hat heute ein absolut weibliches Gesicht, ein Gesicht von Kindern, Migranten/innen und von Verbannten.

Wenden wir uns nun der Geschichte der Auferweckung des Lazarus zu, welche wir nur im Johannesevangelium finden. Es ist in diesem Evangelium das siebente Zeichen, das Jesus wirkte. Die Zahl Sieben ist das biblische Symbol für Vollkommenheit. Alle Wunder Jesu, die im Johannesevangelium dargestellt werden stehen in Beziehung zum Leben. Tod und Auferweckung des Lazarus signalisieren den Tod und die Auferweckung Jesu. Die Auferweckung des Lazarus ist eine Verkündigung dessen was mit Maria von Magdala geschehen ist, am frühen Morgen der Auferstehung; Jesus ist Leben, selbst wenn es keine Hoffnung auf Leben mehr gibt!

Die Menschen der Bibel hofften, dass der Tote innerhalb von drei Tagen wieder zum Leben zurückkehrt. Danach beginnt der Verwesungsprozess des Leichnams. Für Marta hatte der tote Lazarus diesen Zeitpunkt der möglichen Rückkehr ins Leben schon überschritten. Sie hatte ihre Hoffnung bereits verloren. Alles ist zu Ende: „Herr, er riecht schon, denn es ist bereits der vierte Tag.“ (Joh 11,39)

Es gibt einen eindeutigen Unterschied zwischen der Auferweckung des Freundes und der Auferweckung Jesu. Lazarus erwachte mit „Binden“ um ihn herum, etwas Charakteristisches für menschliche Wesen (Joh 11,44), er kehrte in seine Seinsweise zurück und starb später. Bei Jesus hingegen geschieht die Auferweckung ohne „Binden“ und für immer (Joh 20,5-7)! Der Tod des Lazarus ist ein Zeichen, ein Zeichen, das auf eine tiefere Wirklichkeit hinweist, die Auferweckung Jesu ist der Höhepunkt christlichen Lebens. 

Nachdem Jesus vom Tod seines Freundes erfahren hatte, sagte er zu seinen Jüngern, dass er nach Judäa gehen will. Doch diese Entscheidung Jesu stößt bei seinen Jüngern auf Gleichgültigkeit: „Rabbi, eben noch wollten dich die Juden steinigen und du gehst wieder dorthin?“ (Joh 11,8-9) Die Jünger verstanden nicht die Dimension des Lebens, die ihn dazu führte, nach Jerusalem zu gehen. Sie lebten nur im Hier und Jetzt und nicht im Hinblick auf eine bessere Zukunft. Sie können den Beweggründen ihres Meisters nicht folgen. „Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken“, sagte Jesus (Joh 11,11). Die Auferweckung holt uns zurück, erweckt uns und sie befreit uns zu einem neuen Leben in Christus. 

Das Osterereignis Jesu bringt uns nicht automatisch ins ‚Reich der Träume’. Das Geheimnis erreicht unser Herz und führt uns auf einen Weg tiefer persönlicher und gemeinschaftlicher Umkehr. Dieser Paschavorgang in uns ist vom Geist Jesu bewegt, der die alltäglich notwendigen Veränderungen bewirkt, damit wir dem Reich Gottes ohne Binden in Freude und Hoffnung dienen können. 

Wegen unseres Aktivismus sind wir oft ängstlich besorgt, bedrückt oder kühle Frauen ohne die Herzenswärme, die aus der Auferstehung hervorgeht. Vielleicht müssen wir dem Vermächtnis, das der Herr uns hinterlassen hat, mehr Bedeutung geben: „Geh und sag meinen Brüdern und Schwestern in Galiläa...“ In unserem Salvatorianischen Ordensleben brauchen wir eine klare Motivation und eine tiefe Überzeugung, die uns in unserem täglichen Leben Orientierung gibt. Je radikaler unsere Entscheidungen sind, umso tiefere Überzeugungen brauchen wir. 

Unsere Lebensregel sagt im ersten Kapitel Artikel 6, wo sie über Leben und Sendung spricht: „Unser apostolischer Eifer wird getragen von vorbehaltloser Selbsthingabe; wir erneuern sie ständig, indem wir unsere Sendung leben.“ Unsere Sendung beginnt mit der Sendung von Maria von Magdala: wir sind gerufen, Verkünderinnen eines höchst außergewöhnlichen Ereignisses zu sein: „Jesus lebt und ist bei uns!“ Dies ist nicht der Augenblick, Jesus festzuhalten mit unseren eigenen Interessen und egoistischen Vorhaben, die nicht lebensspendend sind. Es ist vielmehr der Zeitpunkt, wo wir durch den Antrieb des Geistes, Ihn als den Lebenden und Träger des Lebens für alle verkünden, in den unzähligen Galiläas von heute. Erinnern wir uns daran, dass Galiläa der geographische und symbolische Ort war, wo Jesus gepredigt und Zeichen des Reiches Gottes gewirkt hat. Matthäus wiederholt in 4,12 was der Prophet Jesaja gesagt hat, indem er das „heidnische Galiläa“ beschreibt als einen unbedeutenden Ort am Rand, wo „die Menschen in Dunkelheit lebten“ und „im Schatten des Todes.“ Die Galiläer, zu denen wir heute gesandt sind, erleben nicht weniger Dunkelheit als im Galiläa zur Zeit Jesu!

Die Auferstehung Jesu ist ein leuchtendes und stärkendes Ereignis für die ganze Geschichte, und für uns Salvatorianerinnen und Salvatorianer ist sie der tiefste und zentralste Aspekt unseres Charismas: sie ist das Heil, das Jesus uns gebracht hat. Es ist ein Ereignis, das eine bleibende Hoffnung und universale Freiheit, die ins Herz eines jeden Mannes und einer jeden Frau geschrieben ist, in Wirklichkeit verwandelt.

Wenn wir aus einem Akt des Glaubens und der Hoffnung nach dem Tod leben, akzeptieren wir unsere menschliche Gebrechlichkeit. Das kommt daher, weil wir wissen, dass die Botschaft der Auferstehung Jesu unsere zerbrechlichen Erwartungen in glänzendes Licht verwandelt, das uns Lebensmöglichkeiten eröffnet sowie solidarisches Handeln und Hoffnung für alle ermöglicht.

Wie Maria von Magdala möchten wir über den Tod und menschliche Grenzen hinausgehen. Die Gegenwart des Auferstandenen verwandelt bedrohliche Situationen, Ängste, Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Kriege und Tod ... in neues Leben. Wir möchten wachsam sein und in aller Frühe zum Grab gehen....! Wachheit gibt uns die notwendige Zeit, für die Qualität unseres Lebens und unserer Sendung zu sorgen. 

Unsere tiefe und in das Geheimnis der Auferstehung involvierte Erfahrung schafft eine Mystik, die unsere Einsatzbereitschaft für alles Lebendige und die vermehrte Förderung des Lebens unterstützt. Als Salvatorianische Frauen – solidarisch – für Hoffnung und Leben möchten wir unsere sehr authentischen und menschlichen Sehnsüchte verwirklichen. Unsere Träume, die über das Gegenwärtige hinausgehen und uns ohne zu ermüden auf dem Weg sein lassen auf der Suche nach „dem neuen Himmel und der neuen Erde“ (Offb 21,1). 

“Selig, jene die nicht sehen und doch glauben.” Er ist der Herr und Er sagt uns: Ich sende euch: „Geht und verkündet.“ Möge es so sein!

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